Li R’vindje di l’Åbe ist ein Chor- und Sinfoniewerk, das von den wallonischen Gedichten Li Mwért di l’Åbe (1909) und dessen Fortsetzung Li R’vindje di l’Åbe (1926) von Henri Simon (1856–1939) inspiriert ist. Das erste Gedicht beschreibt die Erhabenheit einer alten Eiche, Königin der Landschaft und Zufluchtsort für Vögel und Menschen. Doch der Baum wird wegen seines kommerziellen Wertes gefällt, und sein Umstürzen hinterlässt „ein Loch im Himmel“. Das zweite Gedicht knüpft an die Geschichte an: Die Holzfäller zersägen das Holz, das nach und nach seine Heimat verlässt. Das Gedicht, das sowohl ernst als auch bissig ist, betont die Zyklizität des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes, sei es für Bäume oder Menschen. Beide Texte bestehen aus 75 ungereimten Alexandrinern, die von einem subtilen inneren Rhythmus getragen werden.
Patrick Leterme setzt diese beiden Gedichte in einer etwa 90-minütigen Komposition für einen gemischten Chor mit 20 Sängern und ein Orchester in Musik um. Sie ist eine Hommage an die Region Wallonien und ihre Bewohner (Bäume, Vögel, Bauern, Handwerker). Die Komposition beinhaltet Holzgeräusche (Äste, Sägen, Baumstämme) und Percussion, die sich als Orchesterparts und Protagonisten auf der Bühne in performativen „Holz-Zwischenspielen“ abwechseln. Das Projekt wird von ethnomusikologischen und linguistischen Forschungen zum volkstümlichen Erbe begleitet, mit dem Ziel, den Geist der Gedichte mit zeitgenössischer Orchestrierung zu verbinden. Dieses Buch- und CD-Set ist eine elegante Ausgabe mit den Originalgedichten, ihren Übersetzungen, Illustrationen und reflektierenden Texten verschiedener Autoren über die Entstehung des Projekts, die wallonische Sprache und die ökologische Dimension von Henri Simons Werk.