Bevor Schallplatten und Rundfunk den Zugang zur Orchestermusik revolutionierten, gehörten Klavierbearbeitungen zu den wichtigsten Möglichkeiten, große Werke im privaten Rahmen kennenzulernen. Ignaz Moscheles und Ferdinand Hiller gingen jedoch noch einen Schritt weiter: Sie übertrugen nicht bestehende Kompositionen auf das Klavier, sondern schufen eigenständige Werke, die die Ausdruckswelt von Sinfonie und Oper unmittelbar für vier Hände an einem Instrument erschließen.
Moscheles’ „Grande Sonate Symphonique Nr. 2“ op. 112 zählt zu den ungewöhnlichsten Beiträgen zur Klavierliteratur des 19. Jahrhunderts. In sinfonischen Dimensionen gedacht, verbindet das Werk orchestrale Klangvorstellungen mit der Virtuosität des Klavierduos. Ferdinand Hiller wiederum entwarf mit seiner „Operette ohne Text“ op. 106 ein ebenso originelles wie ambitioniertes Werk, das dramatische Handlung und opernhafte Ausdruckskraft ganz ohne Sänger auf die Klaviatur überträgt. Beide Kompositionen zeigen zwei bedeutende deutsch-jüdische Musikerpersönlichkeiten als kreative Grenzgänger, die lange vor der Moderne etablierte Gattungsgrenzen hinterfragten.
Die Pianisten Stephanie McCallum und Erin Helyard widmen sich diesen selten zu hörenden Werken auf einem historischen Érard-Flügel von 1853.